Unsere Zusammenfassung von: Ländlich, digital, attraktiv

Die gerade erst veröffentlichte Studie „Ländlich, digital, attraktiv – digitale Lösungsansätze für ländliche Räume“ des Kompetenzzentrum Öffentliche IT untersucht digitale Projekte im ländlichen Raum und zeigt, wie diese einen wirksamen Beitrag gegen den Teufelskreis von Abwanderung und sinkender Attraktivität leisten können – wir haben diese Studie gelesen und möchten Ihnen hier unsere Erkenntnisse zusammenfassen.

In vielen ländlichen Gegenden Deutschlands ist in den letzten Jahrzehnten ein deutlicher Bevölkerungsrückgang zu beobachten. Dies betrifft insbesondere viele Landkreise und kreisfreie Städte in Ostdeutschland die seit 1990 teilweise über 20 % ihrer Bevölkerung verloren haben. Spitzenreiter ist die Stadt Suhl in Thüringen mit einem Bevölkerungsschwund von 39 %. Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig. Seit der Wende existierte eine langjährige Ost-West-Wanderung, die erst in den letzten Jahren an Bedeutung verloren hat. Daneben ist seitdem ein deutlicher Einbruch der Geburtenzahlen zu beobachten. Außerdem findet eine anhaltende Land-Stadt-Wanderung statt, von der Ballungszentren in Ostdeutschland wie Berlin, Dresden oder Leipzig profitieren, ländliche Regionen dagegen sehr darunter leiden.

 

Herausforderungen in ländlichen Räumen

Die rückläufige Anzahl der Einwohner wirkt sich negativ auf das Angebot in den Bereichen digitale Infrastruktur (Internetanbindung), Gesundheit (Ärzte, Apotheken), Mobilität (ÖPNV), Bildung (Schulen und Hochschulen), Arbeit und Wirtschaft (Arbeitsplätze) und Nahversorgung (Supermärkte, Ämter) aus und führt zu einem Teufelskreis. Die sinkende Attraktivität der Regionen verursacht den Wegzug von weiteren, oftmals jungen Menschen und sorgt in der Folge für sinkenden Einnahmen der Kommunen, was wiederum negativen Einfluss auf öffentliche Infrastruktur und Angebote nimmt. Um diesem Teufelskreis zu entkommen und gleichwertige Lebensverhältnisse in ganz Deutschland zu ermöglichen, braucht es innovative Gegenmaßnahmen. Digitalen Lösungsansätzen wird dabei oft ein großes Potential für die Bewältigung der Herausforderungen von sinkenden Bevölkerungszahlen zugeschrieben.

 

Digitale Lösungsansätze

Die Studie identifiziert zahlreiche digitale Lösungsansätze für die Herausforderung der sinkenden Bevölkerungszahlen in ländlichen Gebieten.

Digitale Infrastruktur

Im Bereich der digitalen Infrastruktur gibt es lokale Non-Profit-Netzgesellschaften sowie bürgerschaftliche Koproduktion beim Ausbau. Die Erschließung entlegener Gemeinden ist für überregionale Telekommunikationsunternehmen oft nicht profitabel, weshalb Privatpersonen und Kommunen dies selbst übernehmen. Durch die private Arbeitsleistung beim Verlegen der Internetkabel sinken die Erschließungskosten und eine Region wird eher ans Glasfasernetz angeschlossen.

Coworking Spaces ermöglichen gut ausgestatte Internetarbeitsplätze in ländlichen Gegenden und ersparen lange Pendelzeiten in die nächste Großstadt. In den Bürogemeinschaften findet eine intensive Vernetzung von lokalen Selbständigen und Unternehmern statt und die Gemeinschaft und Wirtschaftskraft der Region wird verbunden.

 

Gesundheit

Mit Hilfe von Telemedizin können Patienten zuhause untersucht und Diagnosen gestellt werden. Damit entfallen lange Fahrten zur nächsten Arztpraxis und sie ist für einige Behandlungen ein wirksames Mittel gegen die geringe Dichte an Ärzten und Fachärzten in ländlichen Gegenden.

Teleapotheken erlauben eine Online-Bestellung von Medikamenten, die dann per Postzustellung direkt an die Haustür geliefert werden. Damit kann die geplante Versorgung von Patienten in entlegenen Regionen unterstützt werden.

Ambient Assisted Living beschreibt die technische Unterstützung von älteren Menschen durch digitale Sensoren wie Notfallknöpfe oder Sturzmelder. Durch diese Unterstützung können die Betroffenen länger in ihrem häuslichen Umfeld leben und sind nicht auf den Umzug in ein Altersheim angewiesen.

 

Mobilität

Beim Carsharing teilen sich mehrere Personen ein Auto und können das Fahrzeug zu unterschiedlichen Uhrzeiten nutzen. Dadurch ist eine flexible Nutzung für Besorgungsfahrten je nach Bedarf möglich. Ridesharing geht in eine ähnliche Richtung und meint, dass der Fahrer noch weitere Fahrgäste mitnimmt, die das selbe oder ähnliche Fahrziel haben. Die Vermittlung von Car- und Ridesharing findet über Online-Plattformen statt, die oftmals mit Nutzerprofilen und Bewertungen ergänzt werden.

 

Bildung

E-Learning umfasst alle digitale Lernangebote wie Onlinekurse, Onlinestudiengänge, Webinare oder Online-Schulunterricht. Videokonferenzen und digitalen Lernmittel ersparen dauerhafte Präsenz und mitunter weite Pendelstrecken oder Umzüge. Mit diesem Angebot kann ortsunabhängig Wissen erworben werden – auch in strukturschwachen Regionen mit wenigen Weiterbildungsangeboten.

 

Arbeit und Wirtschaft

Auf regionalen Online-Jobbörsen präsentiert sich die lokale Wirtschaft mit ihren Jobangeboten. Dies fördert neben der Vermittlung von Arbeitsstellen auch die Außendarstellung der Region und bietet das Potential, dass junge Menschen zurück in ihre Heimat gelocht werden. Digitale Plattformen für regionale Produkte sind ein digitales Instrument zur Verkaufsförderung von regionale Produkten direkt aus der Region. Die Plattformen zeigen, wer hinter der lokalen Wirtschaft steht, wie sie sich unterstützen lässt und das viele Produkte auch in nächster Nähe zu beziehen sind.

 

Nahversorgung

Mobile Dienstleistungsangebote wie rollende Bibliotheken, Sparkassen oder Friseure ermöglichen eine Versorgung von ländlichen Regionen, die mit einem festen Standort nicht rentabel zu betreiben wären. Digitale Vorbestellungen erleichtern die Planung und Logistik. Eine digitale Verwaltung erspart Behördengänge, da Anträge und Unterlagen online eingereicht werden können. Gerade in ländlichen Gebieten ist das zuständige Landratsamt mitunter nur mit einer längeren Autofahrt zu erreichen, sodass die Digitalisierung der Verwaltungsdienstleistungen hier von besonderer Bedeutung ist.

 

Fazit

Die Studie zeigt, dass es in ländlichen Räumen viele erfolgsversprechende Projekte gibt, die die Herausforderungen von sinkender Attraktivität und Wegzug von gut ausgebildeten Fachkräften angehen. Nichtsdestotrotz ist die Digitalisierung kein Allheilmittel und kann grundlegende strukturelle Probleme nicht alleine lösen. Die Lösungsansätze verringern in erster Linie Wegzeiten und vermeidbare Besorgungsfahrten. Facharzttermine, spezialisierte Dienstleistungen und Jobangebote lassen sich trotz digitale Lösungen in dünn besiedelten, ländlichen Regionen nur schwer bereitstellen.

Als problematisch sehen die Autoren die aktuelle Förderstruktur in Deutschland, die hauptsächlich neue, innovative Projekte fördert. Dies führt dazu, dass das Rad immer wieder neu erfunden wird, da die Projekte sonst keine Fördermittel erhalten. Dadurch gibt es in Deutschland beispielsweise mehrere Projekte, die in verschiedenen Regionen relative ähnliche Apps für die Vermittlung von Ridesharing-Angeboten hervorgebracht haben.

Für die Politik empfehlen die Autoren Digitalisierung nicht als schnelle Lösung zu betrachten, sondern Verstetigung anzustreben und Projekte langfristig zu fördern. Es sollen Ideenwettbewerbe veranstaltet werden und eine deutschlandweite Datenbank digitaler Lösungsansätze aufgebaut werden. Dabei ist es wichtig den gesellschaftlichen Mehrwert in die Betrachtung der Wirtschaftlichkeit mit einzubeziehen.

Insgesamt zeigt die Studie, dass es in Deutschland viele erfolgsversprechende digitale Lösungsansätze im ländlichen Raum gibt. Die digitalen Projekte leisten einen wichtigen Beitrag zur Bewältigung der Herausforderungen, denen die ländlichen Regionen ausgesetzt sind. Die Politik ist nun gefragt, den Digitalprojekten mit ihrer Unterstützung noch mehr Wirkungskraft zu verleihen. Verbunden mit weiteren unterstützenden Maßnahmen bietet sich so die Chance, den Bevölkerungsrückgang im ländlichen Raum aufzuhalten und überall in Deutschland für gute Lebensverhältnisse zu sorgen – egal ob in Suhl oder München.

 

Quellen

Thapa B., Opiela, N., Rothe, M. S. (2020). Ländlich, digital, attraktiv – Digitale Lösungsansätze für ländliche Räume. Berlin: Kompetenzzentrum Öffentliche IT.
Abgerufen am 01.07.20 von https://www.oeffentliche-it.de/documents/10181/14412/Ländlich,+digital,+attraktiv+-+Digitale+Lösungsansätze+für+ländliche+Räume

Demografieportal des Bundes und der Länder (o. D.). Große regionale Unterschiede in der Bevölkerungsentwicklung. Abgerufen am 01.07.20 von https://www.demografie-portal.de/SharedDocs/Informieren/DE/ZahlenFakten/Bevoelkerungswachstum-Gemeinden-Kreise.html

Foto von Karsten Würth

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Über den Autor

Moritz Kormann
Moritz Kormann

Moritz Kormann hat Wirtschaftswissenschaften und Betriebswirtschaftslehre an der TU Dresden studiert und gehört seit 2016 zum Team von Stadt.Land.Netz. Hier ist er verantwortlich für die Bereiche Marketing und Entwicklung.

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