10 Jahre Stadt.Land.Netz: Die Gründer Lars und Marcus im Interview

Am 11. Oktober 2016 haben Lars Lehmann und Marcus A. Dawidjan Stadt.Land.Netz gegründet. Was als Software-Idee startete, um die eigene Arbeit in der Schülerbeförderung zu erleichtern, wurde über die Jahre zu einem Unternehmen mit 22 Mitarbeitenden und mittlerweile fünf Produkten für Behörden und Verkehrsunternehmen. Wir haben mit beiden Geschäftsführern über die Geschichte von 10 Jahren Stadt.Land.Netz gesprochen – dabei haben sie uns auch ihre größte Schwäche und Pläne für die Zukunft verraten.
Aus einer Software-Idee für die Schülerbeförderung wird ein Unternehmen
Lars und Marcus kennen sich aus der Schule. Gründen wollten die Freunde schon immer. Greifbar wurde der Gedanke aber erst, als Lars bei seinem ehemaligen Arbeitgeber, dem Verkehrsverbund Mittelsachsen, ein Programm entwickelte, das die komplexen Verwaltungsprozesse in der Schülerbeförderung erleichtern sollte. Marcus, damals BWL-Student, sah großes Potenzial in der Idee. Er griff zum Telefon, rief verschiedene Landkreise an, die für die Ausgestaltung der Schülerbeförderung zuständig sind, und schrieb Mitarbeitenden auf LinkedIn und Xing.
Mit jedem Austausch wurde deutlicher: Das Potenzial für effizientere Prozesse in diesem bürokratielastigen Bereich, der mit Landkreisen und kreisfreien Städten, Schulträgern und Verkehrsunternehmen verschiedene Akteure unter einen Hut bekommen muss, ist immens. Viele Routenplanungen laufen manuell ab, werden auf Papier oder in komplexen Excel-Listen erledigt – oft nur von einzelnen Zuständigen. Eine Software, die diese Abläufe vereinfacht und die individuellen gesetzlichen Anforderungen jedes Bundeslandes abdeckt, unterstützt die Disponent*innen also enorm.
Gemeinsam fuhren Lars und Marcus in die entferntesten Landkreise, um ihre Software zu zeigen, die eigentlich noch gar nicht verkaufsfertig war. Das Kundenfeedback: „Mega cool, wollen wir haben.“ Zwei Absichtserklärungen später war klar: Daraus wird eine Firma.

Fun Fact: Die Landkreise, die während der ersten Pitches so begeistert vom damaligen Produkt waren, sind erst Jahre später zu Kunden geworden. Dafür setzte Lars’ ehemaliger Arbeitgeber direkt auf die Innovation. Viele weitere Verwaltungen folgten.
Vom Start-up zum GovTech-Unternehmen: Die Gründungsjahre
Ein Spaziergang waren die ersten Jahre nicht. Entscheidungsprozesse für einen Software-Einkauf sind in Verwaltungen langwierig, Zahlungen kamen unregelmäßig. Parallel hielten die beiden das Unternehmen mit freiberuflichen Aufträgen finanziell über Wasser. Dann kam Corona und mit 2020 ein Jahr, in dem kaum ein neuer Kunde unterschrieb.
„Es gab Situationen, in denen wir gesagt haben: Jetzt wird es ganz schön knapp. Aber wir haben immer eine Lösung gefunden.“ – Marcus A. Dawidjan, Geschäftsführer Stadt.Land.Netz
Manchmal hilft auch der Zufall. So lud eine Beratungsfirma die beiden zu einem Pitch in Duisburg ein. Eigentlich wollten sie dort VIA, die Schülerbeförderungssoftware für Verwaltungen, zeigen. Doch der zuständige Dezernent blieb an etwas anderem hängen: der Idee für ein digitales Antragsportal für Schülerbeförderung, die es bis dahin nur als Vision gab. Lars und Marcus erkannten die Chance und griffen die Idee auf. Am Ende stand fest: „Wir gehen diese Lücke an.“ Ein Jahr gemeinsamer Entwicklung später war myVIA geboren. Heute ist die Verzahnung der beiden Produkte für viele Behörden und Verwaltungen der Grund, sich für Stadt.Land.Netz als Softwareanbieter zu entscheiden.
Mittlerweile ist das Unternehmen auf 22 Beschäftigte gewachsen, die in Dresden, Leipzig, Berlin und Darmstadt arbeiten. Mit dem Wachstum des Teams wurde auch zwei Mal das Büro gewechselt. Heute sitzt Stadt.Land.Netz am Bischofsplatz in Dresden-Neustadt.

Was hebt Stadt.Land.Netz von anderen SaaS-Anbietern ab?
Lars betont, dass Stadt.Land.Netz mehr ist als ein Softwareanbieter. Das Unternehmen will Probleme lösen, statt lediglich Software bereitzustellen und anschließend Wartungsrechnungen zu schreiben. Statt bei jeder Kundenfrage direkt ein Angebot zu schreiben, gab es von Anfang an einen großzügigen Support, wobei die persönliche Kundenbetreuung nach wie vor der Standard ist. Da jeder Landkreis und jedes Verkehrsunternehmen anders arbeitet, passen sich die Produkte den unterschiedlichen Anforderungen an und nicht umgekehrt. Dazu kommt eine offene Roadmap, die in der Branche bis heute eine Seltenheit ist.
Was Stadt.Land.Netz außerdem auszeichnet, ist der Blick auf beide Seiten der Schülerbeförderung. Seit zehn Jahren arbeitet das Team eng mit Kommunen, Schulträgern und Verkehrsunternehmen zusammen und kennt dadurch nicht nur die Anforderungen einzelner Akteure, sondern auch die Herausforderungen an ihren Schnittstellen. So profitieren Kunden auch von Verbesserungen, an die sie selbst noch gar nicht gedacht haben.
All das kommt an. Viele Kunden arbeiten 80 bis 90 Prozent ihres Tages mit den Softwareangeboten von Stadt.Land.Netz, nicht wenige konnten Excel komplett abschaffen. Und immer öfter melden sich Interessierte aus Behörden und Verkehrsunternehmen, weil ein anderer Kunde von den Lösungen des jungen Dresdner Unternehmens erzählt hat.
Freunde und Geschäftsführer – so tickt das Gründerduo
Fragt man die beiden, wie sie sich in ihrer Arbeit ergänzen, fallen die Antworten ganz klar aus. Marcus handelt nach Impulsen, hört auf sein Bauchgefühl. Lars analysiert, sieht manches früher, aber packt manches später an. Während Marcus sich um Finanzen, Fördermittel, Investoren und den Vertrieb an Kommunen kümmert, steckt Lars tief in Produkten, Markt und Kunden. Danach gefragt, was er an Marcus besonders schätzt und selbst nicht könnte, antwortet Lars schmunzelnd:
„Die Firma wäre schon viermal pleite, wenn ich sie leiten würde. Mindestens viermal.“ – Lars Lehmann, Geschäftsführer Stadt.Land.Netz
Dass Stadt.Land.Netz nach 10 Jahren noch so gut läuft, liegt auch an der Beziehung der beiden. „Unsere Freundschaft war immer nur ein Vorteil“, sagt Marcus. Recht haben muss keiner von beiden, kritisches Feedback ist immer willkommen. Privat treffen sie sich regelmäßig, inzwischen spielen auch die Töchter der beiden zusammen. Und auf langen Fahrten zu Kunden? Marcus meint: „Da sitzen wir fünf Stunden im Auto, reden zwei oder drei Stunden und dann schweigen wir den Rest. Das ist völlig cool für uns, wir kennen uns schon so lang.“
Was sich in 10 Jahren Stadt.Land.Netz nicht geändert hat
„Wir haben ein super engagiertes Team und die Leute arbeiten gern hier“, meint Lars. Das ist beiden Geschäftsführern das Wichtigste, denn sie kennen Jobs, in denen fehlende Wirksamkeit zu schlechter Laune und Arbeitsleistung führt. Und sie wollten schon immer eine Arbeitsatmosphäre schaffen, in der „kein Bock auf Montag“ keinen Platz hat. Lars beschreibt die Kultur mit Leistungsbereitschaft, Empathie und Lust, den Status quo der Branche zu hinterfragen. Marcus ergänzt sie um Vertrauensvorschuss und Mut, Dinge auszuprobieren.
„Wir wollten es immer anders machen. Wir sind eben nicht das altgraue Systemhaus, wir sind aber auch nicht Hyper-KI.“ – Marcus A. Dawidjan, Geschäftsführer Stadt.Land.Netz
Von den wenigen Personen, die Stadt.Land.Netz innerhalb der letzten Jahre verlassen haben, haben zwei ihr eigenes Unternehmen gegründet. Lars’ Urteil: „Das ist schon cool.“

Eine große Schwäche haben die beiden allerdings von Anfang an: „Wir können unsere Erfolge nicht feiern“, gibt Marcus zu. Und auch Lars ist mit den Gedanken direkt bei den nächsten Zielen, statt kurz innezuhalten. „Das wollen wir in Zukunft auf jeden Fall ändern“, meint er.
Der Plan für die Zukunft? Mit Vollgas weiterfahren.
Für Stillstand bleibt keine Zeit, dafür warten zu viele Herausforderungen. Aktuell steht die Verkehrsbranche unter großem Druck: steigende Kosten, zu wenige Fahrer*innen, viel Bürokratie zwischen Auftraggebern und Verkehrsunternehmen. Deshalb wurde NovaHub, die Software für Verkehrsunternehmen, komplett neu gebaut und wird nach wie vor iterativ mit Kunden weiterentwickelt. Ergänzt wird die Anwendung durch heyNova für das Fahrpersonal und die Fahrgast-App für Fahrgäste und Eltern, damit vom Büro bis zur Haltestelle alle denselben Stand haben. Ein DaaS-Angebot für Verkehrsunternehmen kam kürzlich hinzu, weitere Services sind geplant.
Dann ist da noch KI. Lars und Marcus sehen sie als eine riesige Chance, die Kunden lästige Klickarbeit abnimmt und Disponent*innen in der Praxis entlastet. Was KI leisten kann, erlebt das Team täglich selbst, denn auch die eigene Softwareentwicklung läuft inzwischen zu einem großen Teil KI-gestützt. Doch der Softwaremarkt wandelt sich dadurch rasant: Mit KI lässt sich heute in kurzer Zeit Software entwickeln, neue, günstige Tools schießen aus dem Boden und manche Unternehmen überlegen, sich Lösungen einfach selbst zu erstellen.1 Statt beim Preis mit günstigen Tools zu konkurrieren, setzt das GovTech-Unternehmen auf etwas, das sich nicht über Nacht nachbauen lässt: die Vernetzung aller Beteiligten sowie das Kundenvertrauen durch die langjährige Zusammenarbeit.
Marcus sieht den größten Vorteil in der Erfahrung von Stadt.Land.Netz: Ziel sind Produkte, die „nicht einfach nur gevibecoded“ sind, sondern auf jahrelangem Kundenfeedback und einer stabilen Plattform aufbauen.
Fazit
Vor zehn Jahren hatten Lars und Marcus eine Idee, eine noch nicht ganz fertige Software und den Mut, daraus ein Unternehmen zu machen. Heute stehen hinter Stadt.Land.Netz 22 Mitarbeitende, fünf Produkte und eine klare Vision für die Zukunft der Mobilität. Nur eines müssen die beiden Gründer noch lernen: ihre Erfolge auch mal zu feiern. Mit dem zehnten Geburtstag wäre dafür ein guter Anfang gemacht. Happy Birthday, Stadt.Land.Netz!
Quellen
Franziska ist Product Marketing Managerin bei Stadt.Land.Netz. Ob Produkte oder Menschen: Sie liebt es, mit klaren Botschaften zu zeigen, was Stadt.Land.Netz ausmacht.
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